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Junge Unternehmer in der Schule der Unternehmensberater: Die Consultants der 4flow AG haben einen Tag lang zehn Schülerfirmen der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung in Berlin beraten
Die ganze Firma konnte nicht verreisen, nur sechs ausgezeichnete Mitarbeiter. Dazu gehören Jasmin und Domenique. Die Mädchen aus der 9. Klasse sind am längsten in der Café Relaxx Schüler-AG aktiv. Jasmin ist sogar Mitglied der Geschäftsführung. Die Freundinnen sind an diesem Sonnabend, den 28. Oktober früh aufgestanden. Ihr Zug nach Berlin fuhr kurz vor 6 Uhr in Aschersleben ab. Gemeinsam mit vier Mitschülern und zwei pädagogische Mitarbeiterinnen der Ganztagsschule Albert Schweitzer sind sie zum 1. bundesweiten Fortbildungstag für Schülerunternehmen gekommen. Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung hat gemeinsam mit der Unternehmensberatung 4flow zehn Schülerunternehmen von „SCHÜLER UNTERNEHMEN was!“ eingeladen, um einen Tag lang von Profis beraten zu werden. „SCHÜLER UNTERNEHMEN was!“ ist ein Programm der Heinz Nixdorf Stiftung unter dem Dach der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung - zur Zeit mit bundesweit über 250 Schülerfirmen.
Um 11 Uhr haben sich 60 Schülerinnen und Schüler von zehn Schülerunternehmen in einem Durchgangsraum der glasklaren, großzügigen Büroetage der 4flow AG versammelt. Einige Lehrer und Erzieher sind mitgekommen. Die jungen Unternehmer kommen alle aus den neuen Bundesländern. Die jüngsten gehen in die 6. Klasse, die ältesten machen Abitur. Das Gemurmel klingt unruhig, das Lachen aufgeregt. Von den Schülern hatte noch keiner mit echten Unternehmensberatern zu tun. Denen geht es nicht anders – die über 20 Berater haben noch nie Schülerfirmen beraten. Die einzigen, die schon oft Premieren wie diese erlebt haben, sind die Organisatoren der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS). Sie haben im Vorfeld alles getan, um optimale Voraussetzungen für das Gelingen zu schaffen.
Engagierte Freizeit-Unternehmer
Auf einer kleinen Bühne mit Mikrofon begrüßt Andreas Kick von 4flow die ungewöhnliche Klientel. Er hat seine Chefs und seine Kollegen für den Beratertag gewonnen und das Projekt mit der DKJS vorbereitet. „Ich bin für den reibungslosen Ablauf zuständig. Und für die Qualitätssicherung. Falls eure Berater nicht tun, was ihr wollt.“ Die Schüler lachen über diese unwahrscheinliche Beschwerde. Dirk Waldhoff, Programmleiter „Schüler unternehmen was“ der DKJS, stellt kurz die anwesenden Firmen vor. Der Vorstandsvorsitzende von 4flow, Dr. Stefan Wolff, weiß, was es heißt, wenn Schüler ihren freien Sonnabend für ihr Schülerunternehmen opfern. „Euer Engagement finde ich ganz toll, und deshalb habe ich gesagt, ja, wir machen das.“ Dass die elf begleitenden Lehrer und Erzieher ihren freien Sonnabend für ihre Schüler einsetzen, findet Stefan Wolff auch nicht selbstverständlich. Er selbst hat sich auch Zeit genommen und wird die Energie-Team SAG aus Königs Wusterhausen beraten. Das wichtigste ist gesagt, um 11.30 Uhr beginnt die Arbeit in den Teams. Ute Gelbke und Karin Winkler, die pädagogischen Mitarbeiterinnen vom Café Relaxx, verabschieden sich von ihren Schülern scherzhaft mit dem Wunsch: „Blamiert uns nicht.“ Sie gehen in den Pädagogen-Workshop, um mit anderen Lehrern und Erziehern und den Länderberatern der DKJS über ihre Erfahrungen mit Schülerunternehmen zu sprechen.
Spielregeln für den Ernstfall
Jens Hettenhausen und Claudia Trautmann von 4flow bleiben im Raum zurück mit den sechs Mitarbeitern vom Café Relaxx. Die drei Mädchen sind 14, die drei Jungen sind 12 und 13 Jahre alt. Je zu dritt sitzen sie nebeneinander an den großen Schreibtischen, die ganz leer geräumt sind. Sie haben viel Respekt vor den zwei Beratern, die sich ihnen jetzt vorstellen. In Hemd und Bluse, schwarzen Stoffhosen und geputzten Schuhen. Die Jungen und drei Mädchen haben Turnschuhe, Jeans und T-Shirts an. So wie sie zur Schule gehen. Schon beginnt das Meeting, wie es professionell üblich ist, mit den Erwartungen, die jeder hat. Erst will keiner was sagen, aber nachdem Jasmin den Anfang macht, weiß jeder ganz genau, was er und sie heute wissen will: Neue Ideen besprechen, kommunikativer werden, unsere Ideen an den Nachwuchs weitergeben, die Umsetzung der Ideen besprechen und einer will wissen, wie ein Unternehmen überhaupt läuft.
Claudia Trautmann hat die Wunschliste am Flipchart notiert. Sie warnt gleich, um wirklich zu verstehen, wie ein Unternehmen läuft, dafür sei der Tag zu kurz. Der 2. Tagesordnungspunkt, den die Schüler auf dem Computermonitor am Kopf des Schreibtisches lesen können, sind die Regeln der Zusammenarbeit. Der erste Punkt „Handys aus“ lässt sofort alle in ihren Taschen wühlen. Der zweite Punkt: alle sagen »du« wird von den Beratern Claudia und Jens schon praktiziert. Sachlichkeit, ausreden lassen, alle Meinungen respektieren, erst denken, dann reden und Vertraulichkeit (keine Angst vor den Lehrern) sind weitere Spielregeln.
Alle wollen nur verkaufen
Die sechs aus Aschersleben tauen langsam auf. In der nächsten halben Stunde stellen sie ihre Firma Café Relaxx vor. Die Schüler-AG wurde 2004 gegründet. Sie hat 20 Mitarbeiter und betreibt einen Kiosk und ein Café an der Schule. Der Umsatz beträgt im Monat etwa 200 Euro. Für zwei Wochen Arbeit in den großen Pausen verdienen die Mitarbeiter 5 Euro. Jens und Claudia haben die Auskünfte gleich übersichtlich notiert, nach Kosten, Umsatz, Einkauf, Verkauf, Kunden, Unternehmensziel und Sortiment. Jens Hettenhausen und Claudia Trautmann moderieren und bringen Ideen ein, haben sie gesagt, umsetzen müssen die Schüler später selbst. Jens Hettenhausen stellt gleich die Hauptfrage: „Wie wollt ihr euer Unternehmen weiter voranbringen?“ Er will nicht von Problemen sprechen, sondern von Herausforderungen. Von den vielen Themen, die die Schüler nennen, kreisen die meisten um Produktmanagement und Mitarbeiterentwicklung. Wie können wir mehr verkaufen? Welche neuen Produkte sollen wir anbieten? Wie die Mitarbeiter motivieren, stärken? Am Flipchart hängen lauter gelbe Zettel. Auf einige haben die Schüler doch Probleme geschrieben, etwa, wie man das Handyverbot durchsetzen kann, oder Schüler am Pausenende aus dem Café rausschmeißt. Mit roten Entscheidungspunkten sollen die sechs im nächsten Schritt gewichten, was sie am dringendsten besprechen wollen. Alle Punkte kleben rund um den Komplex Produktmanagement. Los geht’s. Jeder Berater setzt sich zu drei Schülern und analysiert mir ihnen, was es schon gibt an Produkten und was sie sich wünschen würden, was es geben sollte. Jasmin und Domenique wollen Fischbrötchen aufnehmen, Fabian nicht. Domeniques Gegenargument: „Musst du doch nicht essen.“ Fabian träumt von einer Eismaschine, wie sie McDonalds hat. Aber Claudia Trautmann kann ihm auch nicht gleich sagen, was die kostet. Die Zettel werden voll geschrieben mit roten, blauen und grünen Stiften. Schon sind 90 Minuten um und es ist Zeit für das Mittagessen.
Wie motiviert man Mitarbeiter?
Um 14 Uhr beginnt die zweite Beratungsrunde. In einem kleinen Konferenzraum sitzen Annika, Maria und Christoph von der Schülerfirma L.W.L. des Gymnasiums Pampow. Angemeldeten waren sechs Mitarbeiter und da beginnt auch schon das Thema, das die Geschäftsführerin, ihre Stellvertreterin und den Abteilungsleiter EDV beschäftigt: Mitarbeiter, die nicht motiviert sind, nicht zuverlässig sind, nicht da sind. In der Analyse am Vormittag haben sie mit den Beratern, Karsten Ploog und Peter Vagedes, die Stärken und Schwächen von L.W.L. analysiert. L.W.L. steht für Lernen.Wissen.Leben. und beschreibt gut die drei Säulen der Firma. Sie bietet Nachhilfe von Schülern für Schüler, auch Computerkurse für Erwachsene, veranstaltet Events wie den Herbstball in vier Wochen und übernimmt einzelne Projekt wie die Gestaltung eines Philosophiebuchs. Dass L.W.L. das ganz gut macht, haben die Führungskräfte gerade Mitte Oktober auf der Landesmesse der Schülerfirmen in Mecklenburg-Vorpommern erfahren. Ihre Präsentation wurde mit dem ersten Preis ausgezeichnet.
Die drei nehmen ihre Aufgaben sehr ernst. Genauso wie den Erfolg. Im letzten Jahr haben sie in der Nachhilfe den Notendurchschnitt eines Schülers von 5 auf 2 verbessert, der Dankesbrief der Mutter war für sie die wichtigste Auszeichnung.
Heute sollen aber die Brennpunkte behandelt werden. Es brennt ihrer Meinung nach bei der Teamarbeit, der Kommunikation, den Finanzen und dem Zeitmanagement. Annika sagt: „Wir haben eine schöne Struktur, aber das Problem ist die persönliche Einstellung.“ Maria ergänzt: „Aus der Lustlosigkeit kommen wieder ganz andere Probleme. Zum Beispiel, wenn Mitarbeiter im letzten Meeting fehlen, dann funktioniert die Kommunikation nicht.“ Karsten Ploog lenkt die Aufmerksamkeit auf die Meetingkultur des Unternehmens. Alle treffen sich jeden Donnerstag. Wie können die Abteilungen da eine eigene Identität entwickeln? Peter Vagedes weist auch darauf hin, dass manche Leute sich in großen Gruppen nicht engagieren, aber in kleinen Strukturen aufleben. Annika will sofort die Konsequenzen ziehen und entwickelt gleich die nächsten Schritte. Karsten Ploog warnt vor voreiligen Schlüssen. „So weit sind wir noch nicht. Was Berater sagen, wird nicht immer gleich eins zu eins umgesetzt.“ Sie sollten erst überlegen, ob der Vorschlag zu ihnen passt.
Peter Vagedes bremst die großen Hoffnungen auf Besserung mit einer realistischen Einschränkung: „Ihr habt Anwesenheitspflicht. Deswegen müsst ihr damit leben, dass auch Leute da sind, die keine Motivation haben. Aber ab und zu könntet ihr wirklich probieren, die Leute zu motivieren.“ Sie kommen zu der Lösung, dass es gut wäre, wenn die vier Abteilungsleiter mehr Verantwortung übernehmen würden. Es soll ein Meeting geben, in dem die Geschäftsführung die Abteilungsleiter allein trifft, Aufgaben delegiert und Statusreports besprochen werden. Das würde auch die Kommunikation in der Abteilung verbessern. Annika bleibt ganz überzeugt von dem Weg und weiß auch schon, wie sie das angehen werden: „Wir müssen sagen, wir machen das jetzt so. Müssen etwas härter durchgreifen.“ Mit Maria und Christoph werden dann sofort wieder konkrete Personalfragen debattiert. Was kann man noch von den Mitschülern der 13. Klasse, die in zwei Monaten weg sind, erwarten? Und der Nachwuchs, was kann man ihm zutrauen? Wird es wieder wie im Notfall, dass sie alles selber machen?
Wie löst man den Generationenkonflikt?
Im großen Konferenzsaal tagt der Pädagogen-Workshop mit den Lehrern, die die Schülerfirmen betreuen. Das Flipchart ist voller Arbeitszettel und strukturiert die Probleme, die zur Diskussion stehen. Drei Erzieher, die Schülerunternehmen betreuen, sitzen in der Mitte und diskutieren den Generationenkonflikt, die Hackordnung unter den Schülern. Alle anderen hören zu und machen sich Notizen. Auch Karin Winkler vom Café Relaxx ist in der Mitte. Anfangs war ihr diese „Fishbowl-Methode“ nicht ganz angenehm, aber dann hat sie viel zu dieser intensiven Gesprächrunde beigetragen. Um Ärger loszuwerden spricht das Energie-Team von Uwe Peschel über »Schlamm«. Mit dieser Metapher beschreibt er eine Auszeit, in der offen Feedback gegeben werden darf. Dann kann alles, was nervt, ausgesprochen werden – sonst gelten die Umgangsregeln der Unternehmenskultur. Im Alltag werden sie schnell vergessen. Jetzt steigen die Zuhörer im Außenkreis ein, ergänzen den Input der drei. Neben den Programmverantwortlichen der DKJS sind auch die DKJS-Länderberater der Schülerfirmen dabei. Sie können von den Erfahrungen und Lösungsansätzen anderer Firmen berichten. Bettina Korn, Schülerfirmen-Beraterin in Mecklenburg-Vorpommern berichtet von der symbolischen Schlüsselübergabe, die L.W.L. beim Generationenwechsel durchführt. Sie schreibt den ausscheidenden Mitarbeitern auch eine Referenz der DKJS über ihr Engagement.
Mut zur Lücke – Präsentieren ohne Angst.
Zurück im Arbeitsraum des Café Relaxx machen sich Schüler und Berater am Ende der zweiten Beratungsrunde noch mal munter. Sie stehen im Kreis und spielen „Au ja“. Jeder muss eine Bewegung vorschlagen, die alle machen, nach dem sie „Au ja“ gerufen haben. Die Wände, die Glastür, die Schränke sind tapeziert mit den Ergebnissen des Nachmittags. Da wurden sechs Lieblingswunschprodukte ausgewählt und untersucht, wie erfolgversprechend sie sind. Pizzarinchen und Schokoküsse haben am besten abgeschnitten, dicht gefolgt von Würstchen. Zeitung ist am schlechtesten beurteilt worden, auch Milchshake und Fischbrötchen konnten nicht überzeugen.
Auf den nächsten Charts stehen viele kurzfristige und langfristige Maßnahmen zur Produkteinführung. Sogar Werbung wurde schon ausgedacht. Auf den Tafeln könnte zum Beispiel stehen: „Billiger als die Konkurrenz“ oder „Nur für kurze Zeit.“ In der Schülerzeitung könnten sie eine Umfrage machen, um die Wünsche der Kunden besser zu kennen.
Nach einer kleinen Kaffeepause treffen sich vier Firmen 15.45 Uhr im großen Konferenzsaal. Karin Winkler und Ute Gebke sind ganz gespannt, was ihre Kinder präsentieren werden. Sein Sparringspartner Helge springt ein, wenn ein Wort fehlt. Für den Umfang der Produktentwicklungen bekommen die beiden viel Applaus. Die Frage, was sie als erstes machen, beantworten sie wie aus der Pistole geschossen: „Die Pizza.“
Annika, Maria und Christoph, die drei Führungskräfte aus Pampow, haben zwei Lösungen entwickelt, eine für ihr Kommunikationsproblem und eines für ihre Preispolitik. Sie wollen die Umsetzung der erarbeiteten Vorschläge am 9. November in der Vollversammlung präsentieren und die neuen Preise schon im November einführen. Für Rückfragen haben sie die Visitenkarten ihrer Berater in der Tasche. Wenn es Probleme bei der Umsetzung gibt, können sie noch mal anrufen.
Schülerfirmengeprüfte Unternehmensberatung
Um 17 Uhr versammeln sich alle Teams wieder in dem Raum, wo vor sechs Stunden alles begann. Die Stimmung ist erschöpft, aber gelöst. Auf Tafeln können sie die Ergebnis-Charts der anderen Gruppen studieren. Andreas Kick überreicht an alle Teams, ihre Erzieher, Lehrer und ihre Berater Zertifikate, die belegen, dass sie am 1. bundesweiten Beratertag für Schülerunternehmen teilgenommen haben und ein 4flow-geprüftes Unternehmen sind. Das letzte Wort hat Dr. Stefan Wolff. „Ich habe selten so viel Unternehmergeist wie heute erlebt“, lobt er die jungen Unternehmer. Die Herausforderungen, die sie im Kleinen haben, seien auch die der großen Unternehmen. Allerdings kämen die natürlich nicht so schnell zu Ergebnissen, weil die Zusammenhänge komplexer sind. Das Tempo der Zusammenarbeit und Fortschritte hat die Profis von 4flow heute beeindruckt.
Domenique und Jasmin haben dieses Lob nur von ihrem Beraterteam Claudia und Jens gehört. Sie mussten schon früher aufbrechen, um die lange Heimreise nach Aschersleben anzutreten. Im Gepäck haben sie die Charts und Ergebnisse ihrer Diskussion. Am Ende ihrer Arbeitsrunde hatten sie noch einmal gemeinsam mit Claudia und Jens die Erwartungsliste betrachtet. Alle Erwartungen hatten einen Haken bekommen, als erfüllt. Sogar die große Erwartung, zu wissen, wie ein Unternehmen funktioniert. Zwar in Klammern – aber ein bisschen mehr haben sie heute verstanden.
Autorin: Gesine Wulf, Freie Journalistin, Berlin
Fotos: Piero Chiussi, Freier Fotograf, Berlin
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