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Blog | 21. September 2026
Herausforderung „Made in EU“
Mit diesen sechs Schritten bleiben Supply Chains der Fahrzeugindustrie wettbewerbsfähig
„Made in EU“-Ziele könnten erhebliche Auswirkungen darauf haben, wie Fahrzeughersteller und -zulieferer ihre Beschaffung zukünftig gestalten. Der von der Europäischen Kommission vorgeschlagene „Industrial Accelerator Act“ (IAA) würde neue Schwellenwerte für das öffentliche Beschaffungswesen und öffentliche Förderprogramme von Elektrofahrzeugen einführen. Der aktuelle Vorschlag sieht vor, dass mindestens 70 % Werts der Komponenten von Elektro-, Hybrid- und Brennstoffzellenfahrzeugen – ohne Batterien – in der EU hergestellt werden müssen. Nur dann können Hersteller von öffentlichen Förderungen oder öffentlichen Aufträgen für den Kauf, das Leasing oder die Miete dieser Fahrzeuge profitieren.
Herausforderungen und Unsicherheit für Europäische Fahrzeugunternehmen
Allerdings besteht derzeit Unsicherheit darüber, wie diese Schwellenwerte für den lokalen Anteil berechnet werden und was letztendlich als „Made in EU“ gilt. Branchenverbände setzen sich dafür ein, dass Länder wie das Vereinigte Königreich, die Türkei und Marokko gezielte Ausnahmeregelungen erhalten, da ihre Wertschöpfungsketten im Fahrzeugsektor eng mit denen der EU-27 verflochten sind. Stand September 2026 scheint jedoch eine strengere Definition wahrscheinlicher zu sein. Eine solche strenge Vorgabe von 70 % „Made in EU“-Anteil an lokalen Komponenten stellt sowohl für OEMs als auch für Zulieferer von Elektrofahrzeugen eine deutliche, aber dennoch bewältigbare Herausforderung dar.
Für OEMs besteht die größte Herausforderung kurzfristig darin, Transparenz zu schaffen und diese aufrechtzuerhalten – denn nur so können sie die neuen Vorschriften hinsichtlich der gemischten Beschaffungsstrukturen von Teilen, Komponenten und Modulen in ihren Supply Chains für Elektrofahrzeuge erfüllen. Strategisch gesehen müssen OEMs zudem festlegen, wie sie ihr Portfolio auf Fahrzeugebene optimieren und diese optimierte Zusammensetzung in ihren Beschaffungsentscheidungen umsetzen können.
Umgekehrt müssen Zulieferer kurzfristig die neuen Transparenzanforderungen ihrer Kunden erfüllen. Andernfalls riskieren sie, aus laufenden Beschaffungsentscheidungen ausgeschlossen zu werden, wenn sie die geforderte Transparenz nicht gewährleisten können. Noch wichtiger ist es für Zulieferer jedoch, ihren Beitrag zum gemischten EU-Anteil-Portfolio eines OEMs zu verstehen. Bei Bedarf müssen sie die Kosten und die Machbarkeit einer Erhöhung dieses Anteils einschätzen können.
Sechs Schritte zum Aufbau eines wettbewerbsfähigen Inbound-Netzwerks „Made in EU“
Der Aufbau einer wirklich wettbewerbsfähigen Supply Chain bedeutet, über reine Maßnahmen zur Kostensenkung hinauszugehen. Das gesamte Netzwerk muss von Grund auf neu gedacht und ganz im Sinne von „Made in EU“ konzipiert werden. Dafür können Fahrzeughersteller und -zulieferer einen strukturierten Sechs-Schritte-Ansatz verfolgen.
Sechs Schritte
Ein klarer Überblick über die Beschaffung von Zulieferteilen ist Voraussetzung für gezielte und zugleich ganzheitliche Optimierungen. Diese helfen Fahrzeugherstellern dabei, mit Unterstützung ihrer Zulieferer die Schwelle von 70 % lokalem Anteil zu erreichen. Denn Transparenz entsteht dann, wenn klar ist, welche Daten erfasst werden müssen und wie diese angereichert werden können – das gelingt etwa durch das Feedback der eigenen Teams über interne Prozesse, Systeme und Arbeitsweisen.
Die Modellierung des Netzwerks im Status quo: Werke, Lieferanten, Transportwege, Materialflüsse und so weiter. Dies schafft die Grundlage für eine präzise und effiziente Neugestaltung sowie für skalierbare und kontinuierliche Analysen. Dieser Ansatz ist immer dann besonders nützlich, wenn sich Planungsannahmen plötzlich ändern, neue Transparenzanforderungen von Kunden entstehen oder Unsicherheiten hinsichtlich neuer Vorschriften entstehen.
Die Ausgangsbasis fasst alle Ist-Kosten und KPIs zusammen, einschließlich Wertschöpfung, Produktionsfußabdruck, Teilewerte, Durchsatzmengen, Logistikkosten, produktionsbezogene Kostentreiber sowie den aktuellen regionalen Anteil an lokalen Komponenten. Mithilfe dieser Ausgangsbasis kann ermittelt werden, wo Betriebsabläufe am anfälligsten für mögliche EU-Anforderungen an den lokalen Anteil sind.
- Als OEM ermitteln Sie an dieser Stelle Ihr aktuelles Risiko (z. B. auf Fahrzeug- oder Werksebene) sowie potenzielle Hebel zur Optimierung Ihres gemischten EU-Anteil-Portfolios (z. B. auf Teilefamilienebene).
- Als Zulieferer ermöglicht Ihnen dieser Schritt, neue Transparenzanforderungen Ihrer Kunden zu erfüllen. Gleichzeitig erkennen Sie Ihre Anfälligkeit gegenüber Mindestzielen für den EU-Anteil, die Kunden möglicherweise für ihre Zulieferer festlegen.
Mit den richtigen Daten und Modellen sowie einer klaren Ausgangsbasis können weitere Szenarien definiert werden. Die szenariobasierte Planung unterstützt dabei, regulatorische Änderungen und Störungen in der Supply Chain zu antizipieren, indem verschiedene plausible Zukunftsszenarien durchgespielt werden.
Als OEM entwickeln Sie Szenarien für den Wareneingang aller Teile, Komponenten und Module eines bestimmten Elektrofahrzeugs. Dabei können Sie verschiedene Ansätze in Ihren Szenarien berücksichtigen, wie zum Beispiel:
- Binäre Beschaffungsanforderungen: z. B. muss die Komponente X aus der EU stammen
- Spezifische Zielvorgaben für Teilefamilien: z. B. 90 % für Sitze oder 20 % für Elektronik
- Gemischte Mindestziele für den EU-Anteil bei allen Zulieferern: z. B. 70 % für alle Zulieferer
Als Zulieferer liegt Ihr Fokus nicht auf dem Beschaffungsnetzwerk für das gesamte Elektrofahrzeug, sondern auf der Supply Chain des spezifischen Teils, der Komponente oder des Moduls, das bzw. die Sie an Ihren Kunden liefern. Sie müssen berücksichtigen, wie sich die Einhaltung der Anforderungen Ihrer Kunden auf Produktionskosten, Logistikkosten, Investitionsausgaben (CAPEX) und Emissionen auswirkt, beispielsweise:
- Strikte EU27-Anforderung: Die Komponente muss die strengsten Anforderungen an den lokalen Anteil erfüllen. Dies ist dann wichtig, wenn ein OEM so flexibel sein muss, Elektronik oder andere schwer zu lokalisierende Produktkategorien weltweit zu beschaffen.
- Weiche EU27-Anforderung: Der Schwellenwert für den lokalen Anteil umfasst auch assoziierte Länder außerhalb der EU-27. Dies könnte eintreten, wenn die „Made in EU“-Verordnung gelockert wird.
- Best-Cost-Anforderung: Anforderung an das Land mit den günstigsten Kosten für die Komponente. Dies ist wichtig, wenn ein OEM bei der jeweiligen Teilefamilie über Flexibilität verfügt.
Bewerten Sie jedes Szenario anhand derselben Kriterien. Wie würde sich eine solche Neugestaltung Ihrer Supply Chain auf Ihren EU-Anteil, Produktions- und Logistikkosten, Investitionsausgaben (CAPEX), Vorlaufzeiten, Risiken und Nachhaltigkeit auswirken? Das Ziel ist kein abstraktes Zielnetzwerk, sondern eine vergleichende, entscheidungsreife Matrix aus quantifizierten Kompromissen und realisierbaren Maßnahmen. Als OEM bewerten Sie jedes Szenario strategisch und ermitteln die Gesamtkonformität sowie die Kosten auf Fahrzeugebene. Als Zulieferer hingegen bewerten Sie taktische Beschaffungsszenarien im Vorfeld von Verhandlungen mit der Einkaufsabteilung eines Kunden.
Im letzten Schritt werden die Analyseergebnisse in eine klare Empfehlung für das Management übersetzt, die auf Business Cases, Umsetzungszeitplänen und Entscheidungslogiken basiert. In der Regel ist es ratsam, bereits während der Ausarbeitung einer Verordnung eine strategische Managemententscheidung auf der Grundlage klar definierter Annahmen vorzubereiten. So können Entscheidungen schneller getroffen werden und europäische OEMs und Zulieferer ihre Position in einem hart umkämpften Markt behaupten.
Die Bedeutung frühzeitigen Handelns
Für europäische Fahrzeughersteller und -zulieferer ist es riskant, die weitere Entwicklung der „Made in EU“-Vorschrift abzuwarten. Unternehmen, die frühzeitig handeln, erkennen ihre Risiken, kennen ihre strategischen und taktischen Optionen und sind besser in der Lage, sich anzupassen. Es ist wichtig, zwischen der reinen Einhaltung der Vorschriften zur Erfüllung des „Made in EU“-Schwellenwerts und einer fundierten wirtschaftlichen Entscheidungsfindung zu unterscheiden, die alle relevanten Faktoren wie Kosten, Vorlaufzeiten, Risiken und Nachhaltigkeit berücksichtigt. In Zeiten der Unsicherheit sind frühzeitige Transparenz und szenariobasiertes Netzwerkdesign mehr als bloße Planungsübungen. Sie sind zentrale Instrumente für Wettbewerbsfähigkeit, Risikominimierung und langfristige Supply Chain-Resilienz.
Autor
Andreas Weber
Vice President
4flow