Blog | 21. Juli 2026

Advanced Planning in mehrstufigen Produktionsnetzwerken der Luft- und Raumfahrtbranche

In der Vergangenheit stand die Luftfahrtbranche vor den Herausforderungen der Nachfragevolatilität, Konjunkturrückgänge und Auftragsstornierungen. Das ist heute genau umgekehrt: Die wachsende globale Mobilität und der Aufstieg von Billigfluggesellschaften haben die weltweite Nachfrage nach Flugreisen deutlich angekurbelt.

Die kommerzielle Luftfahrt befindet sich in einer Wachstumsphase. Nach der COVID-19-Pandemie erholte sich das Passagieraufkommen deutlich schneller als erwartet und beschleunigte den Bedarf an neuen Flugzeugen.¹ Im Jahr 2025 verfügten Erstausrüster (OEMs) wie Airbus und Boeing über Auftragsrückstände von rund 8.750 bzw. 6.100 Flugzeugen.²·³ Bei den aktuellen Fertigungsraten entsprechen diese Auftragsrückstände bereits etwa einem Jahrzehnt ausgelasteter Produktion.

Die zentrale Herausforderung liegt nicht mehr darin, Nachfrage zu generieren, sondern darin, die Ausführung über tiefgreifend verflochtene, kapazitätsbegrenzte Produktionsnetzwerke hinweg zu synchronisieren. Advanced Planning in mehrstufigen Produktionsnetzwerken der Luftfahrt- und Raumfahrtbranche bietet hierfür einen strategischen Lösungsweg. Durch die Neugestaltung von Prozessen und die Integration von Advanced Planning Systems (APS) gewinnen Organisationen an Transparenz, können Kapazitätsengpässe gezielt steuern und bauen die nötige Supply-Chain-Resilienz für künftige Produktionshochläufe auf.

Die besonderen Herausforderungen der Luft- und Raumfahrtproduktion

Herausforderungen

  • Herausforderungen

Hersteller-Lieferanten-Dynamik

Hersteller-Lieferanten-Dynamik

Supply Chains in der Luft- und Raumfahrtbranche zeichnen sich durch hochspezialisierte, mehrstufige Lieferantennetzwerke aus. Die Anzahl geeigneter Lieferanten für kritische Systeme und Komponenten ist aufgrund regulatorischer Anforderungen, technischer Komplexität und hoher Markteintrittsbarrieren häufig begrenzt. Produktionshochläufe lassen sich daher nicht einfach einseitig anfordern. Stattdessen müssen Planungsverantwortliche Bedarfsplanung, Kapazitätsmanagement und Produktionspläne über mehrstufige Lieferantennetzwerke hinweg eng koordinieren.

Kapazitätsengpässe

Kapazitätsengpässe

Moderne Flugzeuge bestehen aus Millionen von Einzelteilen, die über hochspezialisierte Lieferanten-Ökosysteme bezogen werden. Störungen bei Lieferanten auf vorgelagerten Produktionsstufen können sich schnell auf gesamte Produktionsprogramme ausweiten. So bleibt beispielsweise die Triebwerksherstellung ein erheblicher potenzieller Engpass, wenn es früh im Netzwerk zu Engpässen bei Rohstoffen wie Titan oder wichtigen Bauteilen wie Halbleitern kommt.⁴ Viele dieser Lieferanten operieren bereits nah an ihren bestehenden Kapazitätsgrenzen. Eine Steigerung der Produktionsmenge erfordert daher entweder erhebliche Investitionen in zusätzliche Kapazitäten oder deutliche Effizienzgewinne. Genau hier setzt Advanced Supply Chain Planning an.

Veraltete Systeme

Veraltete Systeme

Viele der heute eingesetzten ERP- und Planungsumgebungen wurden ursprünglich für vergleichsweise stabile Fertigungsraten und weniger vernetzte Lieferantennetzwerke konzipiert. Moderne Flugzeugprogramme umfassen hingegen Hunderttausende von Komponenten, die sich über mehrere Produktionsstufen hinweg bewegen. Gleichzeitig erfordert die Volatilität im Netzwerk eine deutlich engere Koordination und Transparenz. Moderne Planungstechnologie, Datenintegration und analytische Fähigkeiten bieten Organisationen heute die Möglichkeit, isolierte, tabellenkalkulationsbasierte Planung hinter sich zu lassen.⁵

Fragmentierte Daten

Fragmentierte Daten

Die Qualität von Stammdaten leidet häufig unter fragmentierten IT-Landschaften. Planungsverantwortliche sehen sich oft mit fehlerhaften Stücklisten (BOMs), veralteten Durchlaufzeiten und doppelt gepflegten Lieferantendatensätzen konfrontiert. Diese sind zudem häufig über nicht miteinander verbundene ERP-, PLM- und MES-Plattformen verstreut. Wenn das Vertrauen in das zentrale System schwindet, weichen Planende naturgemäß auf isolierte Excel-Dateien aus. Denn selbst die intelligenteste Planungssoftware liefert schwache Ergebnisse, wenn sie mit ungenauen Daten gefüttert wird.

Der Weg zu Advanced Planning

Solide Grundlagen für digitale Tools schaffen

Advanced Planning Systems wie Kinaxis Maestro™ oder SAP IBP gewinnen an Bedeutung, je vernetzter Produktionsnetzwerke in der Luft- und Raumfahrtbranche werden. Traditionelle, sequenzielle Planungsansätze stoßen häufig an ihre Grenzen, wenn es um lange Durchlaufzeiten, kaskadierte Planungsabhängigkeiten und aufwändige Koordinationsprozesse geht. In vielen Luft- und Raumfahrtumgebungen hängen mehrere Hauptbaugruppen von einer einzigen kapazitätsbegrenzten Komponente ab. Eine synchronisierte Planung und schnelle Szenariobewertungen sind hier unverzichtbar.

Der initiale Aufwand sollte sich dabei auf die Bereinigung von Stammdaten und die Gestaltung zukunftsfähiger Prozessketten konzentrieren. Darüber hinaus ist ein gezieltes Änderungsmanagement auf organisatorischer Ebene entscheidend. Planende sollten zudem frühzeitig eingebunden werden, damit sie verstehen, wie das neue System manuelle Workarounds ablöst und ihren Arbeitsalltag direkt verbessert.

Schrittweise Integration

Advanced Planning verbindet eine Supply Chain ganzheitlich. Mit einem APS wird ein einzelnes Bedarfssignal vom OEM bis hin zu Tier-3-Lieferanten sichtbar. So lassen sich aktualisierte Signale deutlich schneller im Netzwerk verbreiten, wenn sich Bedarfe oder Produktionsbedingungen ändern.

Eine End-to-End-Integration bleibt durch technische, organisatorische und regulatorische Hürden anspruchsvoll. Unterschiedliche digitale Reifegrade erschweren beispielsweise einen standardisierten Datenaustausch und eine synchronisierte Planung über mehrere Produktionsstufen hinweg. Hinzu kommt, dass die Verantwortung für interne Schnittstellen häufig unklar ist: Der Einkauf verantwortet die Lieferantenbeziehung, während die Planung den Produktionsplan steuert. Statt eine großflächige Einführung in einem Zug anzugehen, erzielen viele Organisationen bessere Ergebnisse, wenn sie klein beginnen und schrittweise skalieren.

Die Rolle von KI und digitalen Zwillingen

Künstliche Intelligenz eröffnet überzeugende Möglichkeiten für die Luft- und Raumfahrtproduktion. Dies setzt jedoch eine solide Grundlage aus sauberen Daten, Netzwerktransparenz und der Abstimmung zwischen Stakeholdern voraus. Sobald ein APS End-to-End etabliert ist, legt es genau dieses Fundament, auf dem über die Zeit ein Digital Twin der Supply Chain aufgebaut werden kann. Von dort aus lässt sich weiteres Optimierungspotenzial durch KI-Anwendungen erschließen. Diese unterstützen beispielsweise die automatisierte Beschaffung und Lagerbestandsanalyse, langfristige Prognosen und Produktionsplanung sowie beschleunigte Szenarioanalysen bei Störungen.⁶

Supply-Chain-Resilienz für das nächste Jahrzehnt sichern

Die Luft- und Raumfahrtbranche wird ihre herausfordernden Lieferziele nicht mit den Tools der Vergangenheit erreichen. Der Abschied von fragmentierten Daten und isolierten Tabellenkalkulationen erfordert eine umfassende Strategie, die Technologie, Prozesse und Menschen gleichermaßen berücksichtigt.

Wenn Advanced Planning priorisiert wird, können Abläufe über komplexe Produktionsnetzwerke hinweg synchronisiert, Kapazitätsengpässe besser gesteuert und die Zusammenarbeit mit Lieferanten nachhaltig gestärkt werden. Organisationen, die ihre Planungsstrukturen neu aufstellen möchten, sollten damit beginnen, den aktuellen Zustand ihrer Datenqualität zu bewerten und die kritischen Engpässe in ihren bestehenden Prozessen zu identifizieren. Wer diese grundlegenden Schritte heute geht, sichert die operative Resilienz, um die Märkte von morgen zu gestalten.

Sind Sie bereit, das Planungsfundament Ihres Netzwerks neu zu denken?

Autoren

Jan-Niklas Grafe

Principal
4flow

Jonathan Lorenz

Manager
4flow

Christoph Gaumann

Principal
4flow

Quellen

1International Air Transport Association (IATA). Air Travel Reaches 99% of 2019 Levels as Recovery Continues in November. Press Release No. 2, January 10, 2024. Available at: https://www.iata.org/en/pressroom/2024-releases/2024-01-10-01/

2Airbus. Airbus Reports Full-Year (FY) 2025 Results. February 2026. Available at: https://www.airbus.com/en/newsroom/press-releases/2026-02-airbus-reports-full-year-fy-2025-results

3Boeing. Boeing Reports First Quarter Results. April 22, 2026. Available at: https://boeing.mediaroom.com/2026-04-22-Boeing-Reports-First-Quarter-Results

4United States Government Accountability Office (GAO). Commercial Aviation: Supply Chain Challenges Lead to Aircraft Manufacturing Delays. GAO-24-106493, 2024. Available at: https://www.gao.gov/assets/d24106493.pdf

5International Air Transport Association (IATA). Reviving the Commercial Aircraft Supply Chain. 2024. Available at: https://www.iata.org/contentassets/85b59d951fc04c1c83fa2aab47824300/reviving-the-commercial-aircraft-supply-chain.pdf

6Aviation Week Network. Optimizing Aerospace Supply Chain with AI & Big Data. Available at: https://aviationweek.com/mro/optimizing-aerospace-supply-chain-ai-big-data